Für immer (zum) Herrencoiffeur Meile

Schneidet seit 50 Jahren in seinem Salon in Flums Männerhaare: Jörg Meile.

Im Jahr 1968 hat Jörg Meile einen kleinen Herrensalon in Flums bezogen. Seither hat sich viel verändert, noch mehr ist gleichgeblieben. Auch nach 50 Jahren als selbstständiger Herrencoiffeur hat der Flumser noch lange nicht genug.

Eigentlich hat Jörg Meile am Mittwochnachmittag frei. Eigentlich – aber für Enkel Nevio macht er eine Ausnahme. Dieser sitzt aufeinem der Coiffeurstühle im kleinen Herrensalon an der Eisenherrenstrasse in Flums und liest in einem alten Mickey-Mouse-Heft. Sein «Neni» – mit Brille auf der Nase und Schere in der Hand – schneidet an seinen Haaren herum. Rund alle sechs Wochen kommt Nevio, um sich eine neue Frisur verpassen zu lassen. Ob aus ihm später auch ein Coiffeur wird? Nicht, wenn es nach ihm geht: «Ich möchte Seilbahntechniker werden», sagt der Elfjährige.

Aber wer weiss schon, was die Zukunft bringt? Denn auch für den heute 72-jährigen Jörg Meile – auch bekannt als «Jögä» – war sein Beruf nicht von Anfang an vorgesehen. «Eigentlich hätte ich Koch werden sollen», sagt Meile, der aus einer Gastrofamilie stammt. Er habe aber schnell gemerkt, dass hinter dem Herd stehen nichts für ihn ist, und sei auf den Rat seiner Mutter hin zur Berufsberatung gegangen. «So wurde aus mir ein Coiffeur», sagt der Flumser. Er selber hat nicht mehr so viele Haare. Diese rasiert ihm seine Frau, die mit ihm in Berschis lebt, auf eine Länge von 6 mm.

Der leeren Wand Leben einhauchen

Es ist über ein halbes Jahrhundert her, seit Meile in Rebstein seine Coiffeurlehre absolviert hat. Und nun darf er das 50-Jahr-Jubiläum als selbstständiger Coiffeur feiern. Im September 1968 hat er sich im Salon in Flums niedergelassen. An der Wand hängt ein Bild mit einer Windmühle darauf. Es ist auf 1968 datiert. Als ein ehemaliger Kunde und Freund zu Anfangszeiten in den Salon kam, habe dieser die Wand leer vorgefunden und ihm darum das Bild gemalt.

Das Bild ist neben Jürg Meile nicht das Einzige, was seit 50 Jahren im Raum ist. Zahlreiches Material hat diesen während all der Jahre nicht verlassen. Beispielsweise die runden Spiegel. Oder die schwarze Uhr an der Wand. Der erste uhrwerkbetriebene Rasierapparat auf dem Tisch, den Meile allerdings heute nicht mehr verwendet. Und die militärgrünen, schweren Stühle. Es hat zwei Stück davon, weil er während der letzten Jahre vier Lehrlinge ausgebildet hat.

Lauf des Lebens

Der Raum hat sich kaum verändert. Dafür aber Meiles Kundschaft. Wie er selbst sind auch seine Stammkunden älter geworden und kommen irgendwann nicht mehr zum Coiffeur. Meile öffnet einen der Kalender, den er im Holzschrank neben dem Windmühlenbild aufbewahrt. «Ich besitze noch alle meine Agenden der letzten 30 Jahre», sagt er. Manchmal blättert er darin und schaut sich die vielen Namen an. Und dann fällt ihm auf, wie viele seiner ehemaligen Kunden nicht mehr unter uns sind. Besonders schlimm ist es für Meile, wenn ein Kunde ihm zu verstehen gibt, dass dieser Haarschnitt wohl sein Letzter sein wird. Dann, wenn beispielsweise der Krebs oder eine andere schlimme Krankheit den Kunden heimgesucht hat. Solche Abschiede nehmen ihn sehr mit.

Die Kunden kommen gerne zu Meile. Denn Meile nimmt sich Zeit für sie. Das führt zu vielen guten Gesprächen. «Diese handeln meistens von Frauen», erzählt Meile schmunzelnd. Darauf folgen Sport oder Wetter. Auch nehmen manche einen weiten Weg auf sich, um Meiles Herrensalon aufzusuchen. Sie kommen von überall her. Ein Kunde hat in Bern und im Puschlav gelebt und ist von da bis nach Flums mit dem Zug gereist, hin und zurück, nur um bei Meile «zum Coiffeur zu gehen».

Einer, der seit vielen Jahren in Jörg Meiles Salons sitzt, ist Fotograf Pius Rupf. «Ich bin auch viel im Dorf unterwegs», so Rupf. «Aber Jörg weiss einfach über alles Bescheid.» Rupf lobt Meiles Umgang mit den Leuten. Meile sei einfach ein «flotter Cheib». Auch Jörg Meile schätzt die Gespräche und freut sich an den Lebensgeschichten, die er erzählt bekommt. Zudem darf er «Leute verschönern sowie verjüngen und ihnen so eine Freude machen», zählt er die Vorzüge seines erufs auf. Der fröhliche Coiffeur übt diesen mit Leidenschaft und Herzblut aus, keine Frage, wäre er doch seit einigen Jahren pensioniert.

Von Polizisten und Häftlingen

Jörg Meile ist immer auf dem neusten Stand. Er weiss aber auch interessante und amüsante Geschichten von früher zu erzählen. Eine davon steht eingerahmt im Salon. Hinter dem Rahmen- glas ist ein Formular zu sehen. Ausgestellt wurde es am 21.Mai 1969. Der Text beinhaltet einen Polizeirapport der örtlichen Polizei und verwarnt Meile im Rahmen des Reglements über den Ladenschluss der Gemeinde Flums. Er habe am Samstag, 17.Mai 1969, das Geschäft um 19.30 Uhr noch offen gehabt. Gemäss Reglement müssen Coiffeurgeschäfte um 19Uhr geschlossen sein. Auf Vorbehalt habe Meile gesagt, dass Kunden im Geschäft seien, welche vor Ladenschluss hereingekommen seien. Weiter schreibt die Polizei im Rapport, dass er bei weiteren Übertretungen «empfindlich gebüsst» werde.

Auch erinnert sich Meile an die Häftlinge aus dem Flumser Gefängnis, welche die Polizisten zu ihm schickten und an die Stühle ketteten. Die Häftlinge hätten immer schön hingehalten. «Wäre auch blöd gewesen, wenn sie versucht hätten, mit einem 100-Kilo-Stuhl abzuhauen», so Meile lachend.

Berufliche Zufriedenheit

Als junger Coiffeur hat Meile mit einem Tageslohn von 35 Franken gelebt. «Ich werde aus finanzieller Sicht wohl zur besten Zeit aufhören», sagt er und betont aber, dass sich dank der Einführung des Minimallohnes viel verbessert habe. Dass die Preise von früher mit den heutigen nicht zu vergleichen sind, zeigt die erste Tarifliste von Meiles Salon. Haareschneiden für 4.20 Franken, Rasieren für 1.80.

Wer Jörg Meile kennt, weiss, er ist mehr, als «nur» Coiffeur. Er ist auch Fa- milienmensch, Tierliebhaber und begeisterter Sportler. Nach wie vor spielt er pro Woche bis zu sechs Stunden Tischtennis. Gemeinsam mit einem Kollegen hat er den Flumser Tischtennisclub gegründet. «Sportlich hatte ich meine beste Zeit um die 40», blickt er zurück. Damals ist er zum Doppel- Schweizer-Meister gekürt worden. Ebenfalls zeitintensiv ist die Pflege seines Tierreichs. Seit 1978, seit dem Einzug ins Haus in Berschis, finden Tiere bei ihm und seiner Familie ein Zuhause. In seinem Garten tummeln sich Enten, Gänse, Schildkröten, Hasen, Vögel und Fische. Eine Vielzahl an Vögeln lebt im Altersheim Flums, weshalb Meile bei den Bewohnern als «der Vogelmensch» bekannt ist.

In Meiles Leben ist immer was los. Und viele fragen sich, wie lange er als Coiffeur weitermacht. Ob es noch ein nächstes Mal gebe? Auf diese Frage antwortet Meile: «Natürlich gibt es noch ein nächstes Mal.» Bis jetzt sei es ihm noch nicht «verleidet» und er hat auch nach über 50 Jahren «Plausch» am Coiffeur-Sein.