Mehr als ein Panorama-Dorf

Die wunderbare Aussicht auf den Walensee, die Berglandschaft und der ruhige Standort gefallen nicht nur den Terznerinnen und Terznern, sondern auch den vielen Feriengästen. Oberterzen hat nebst den Vereinen, Restaurants und einem Dorfladen noch viel mehr zu bieten. Ein Besuch im 333-Seelen-Dorf über dem Wolkenmeer.

Nach der Fahrt vorbei an Unterterzen und Quarten, versteckt hinter dem Wald, taucht es auf. Dann, wenn manch ein Fremdling nichts mehr als Bäume und schlängelnde Wanderwege erwartet hätte: das Dorf Oberterzen. Die Strassen sind eng, manchmal haben die Fahrzeuge keinen Platz, um sich zu kreuzen. Wer sich das Bergfahren nicht gewohnt ist, kann froh sein, wenn kein Auto entgegenfährt. Und wer denkt, der Verkehr hält sich bei den 333 Einwohnenden in Grenzen, dem widerspricht Hans Kessler – auch bekannt als «Baach Hans». «Der Verkehr hat sich im Vergleich zu früher stark verändert», sagt der 79-Jährige, der seit jeher im Dorf lebt. Oberterzen war vor vielen Jahren ein reines Bauerndorf. Nur wenige Autos hätten damals die Ortschaft durchquert. «Bei uns oben im Maiensäss, am Ende von Oberterzen, fahren heute immer wieder Autos vor», sagt er. Früher habe er pro Woche auf derselben Strasse vielleicht eines gesehen. Kessler lebt mit Frau Anny seit Jahren in seinem Elternhaus. Vom Haus aus sieht man über den Walensee und die Bergwelt mit den Churfirsten. Ein Pa­no­rama, das den Betrachter zum Stehenbleiben bewegt.

Tourismus und Vereinsleben

Diese Aussicht gefällt wohl auch den vielen Feriengästen. In Oberterzen stehen heute mehr Ferienhäuser, als es Wohnhäuser hat. «Ende der Sechzigerjahre hat man mit den Bauarbeiten begonnen, die bis in die Achtzigerjahre angehalten haben», erklärt Ortsgemeindepräsident Urs Christandl. So entstand ein Ferienhaus nach dem anderen. Viele der Gäste sind Schweizer, die meisten aus der Region Zürich. Sie kommen im Winter Skifahren und im Sommer Wandern. Was – nebst der Natur und der wunderbaren Aussicht – wohl der Grund für die hohe Anzahl Feriengäste ist? «Dass das Dorf mit der Mittelstation so gut erschlossen ist», antwortet Martina Gubser Martinez, stellvertretende Ortsgemeindepräsidentin und Wirtin im Restaurant Knobelboden. «Man kann die Skier anziehen, zur Station, den Berg hoch und von dort bis vor die Haustüre runterfahren», sagt sie. Nebst den Häusern erfreut sich auch das Camping Terza grosser Beliebtheit.

Auf den Begriff Terza trifft man in Oberterzen immer wieder. So heisst der Tennisclub Ter­za, der Mitglieder aus der ganzen politischen Gemeinde Quarten aufweist. Die Talabfahrt im Winter lautet Ter­za­abfahrt. «Terzner» ist ausserdem der Überbegriff für die Einwohnenden von Oberterzen. Nebst dem Tennisclub hat es in dem kleinen Dorf auch einen Schüt­zenverein, der vor einigen Jahren mit jenem aus Quarten fusioniert hat. Geschossen wird am Schiessstand Hofstetten in Oberterzen. Und nicht zu vergessen: der dorfeigene Schellenclub.

Mangel an öffentlichem Verkehr

Die Feriengäste dürften auch ein Grund sein, warum der Dorfladen noch immer lebt. Ist der Überlebenskampf der Dorflädeli ein bekanntes Problem, geht es dem kleinen Geschäft nicht anders. Zu finden ist er anfangs Dorf, nach der Tankstelle, gegenüber dem Tennisplatz. Marianne Scherrer führt ihn alleine. Haben Dorfläden manchmal Trägerschaften, muss sie selber über die Runden kommen. Ob sie Rückendeckung von den Einwohnenden bekomme? «Es kommen diejenigen Leute einkaufen, denen die Bedeutung des Ladens bewusst ist», sagt sie. Dass man die Grosseinkäufe nicht bei ihr mache, sei klar. Bei ihr seien die Produkte halt etwas teurer. Aber wenn alle Einwohnenden ihre Tageseinkäufe bei ihr tätigen würden, ginge es dem Lädeli bereits viel besser. Für zusätzliches Einkommen sorgt das integrierte Café. An diesem Nachmittag sitzen vier Einwohnende draussen am Tisch. Sie schwatzen, lachen, diskutieren. Und sie schätzen den Treffpunkt sehr. Marianne Scherrer bezeichnen sich als Optimistin. «Es gibt gute und schlechte Tage», sagt diese und lächelt.

 

 

Ferienhäuser, Camping, eine Bahnstation, eine Tankstelle, ein Dorfladen, zwei Restaurants, ein Briefkasten, ein Tennisclub, ein Schützenverein, ein Schellenclub und eine unbezahlbare Aussicht – Oberterzen lebt. Was aber fehlt den Einwohnenden? «Gute Verbindungen», sagt ein Herr. Diese bestehen täglich von 7.30 bis 17.45 Uhr. Mit der Seilbahn, ist hier zu betonen. Dazu kommt, dass diese zwei bis drei Monate im Jahr wegen Revisionen nicht läuft. Einen Bus gibt es nicht, ausser den Schulbus für die Kinder. Auch Christandl weiss um die Problematik: «Damit sind wir nicht glücklich». Wer kein Auto hat, müsse sich mit anderen absprechen oder zu Fuss gehen. «Aber das kann nicht jeder», so Christandl. Er meint damit vor allem die älteren Einwohnenden. Er hofft, dass mit der Bahnhofsanierung in Unterterzen auch bezüglich Verbindungen nach Oberterzen ein Fortschritt erzielt werden kann.

Mit der Seilbahn in die Schule

Auch wenn die Luftseilbahn – eröffnet 1955, seit 2005 Betrieb als Gondelbahn – nicht von morgens früh bis abends spät in Betrieb ist: Den Menschen im Dorf ist sie eine grosse Hilfe. So hat man für die Bahnstrecke von Ober­ter­zen nach Tannenboden zehn Minuten, bis man im Skigebiet Flumserberg ist. Oben angekommen, kann man die See­benalp auf Oberterzner Boden besuchen. Mit dem Hotel Seebenalp hat Terzen somit ein drittes, im Winter auf Alp Grueb gar ein viertes Restaurant. Und der Leist, 2222 Meter über dem Meer, liegt auch auf Terzner Boden.

Dazu kommt, dass die Schulkinder oft mit der Bahn ihren Schulweg meistern. In Oberterzen selber hat es heute noch einen Kindergarten. Die Oberstufe befindet sich in Unterterzen, der zweite Kindergarten und die Primar­schul­klassen sind auf die anderen Quartner Dörfer (ausser Quinten) aufgeteilt. Christandl selber hat als Kind noch die ganze Primarschule in Ober­terzen besucht. «Damals waren die erste bis dritte und die vierte bis sechste Klasse in je einem Schulzimmer, mit je einem Lehrer», blickt er zurück. Einer dieser Lehrer war Paul Diethelm. Ursprünglich aus der Innerschweiz, hat Diethelm sich 1972 in Oberterzen niedergelassen und bis 1980 die vierte bis sechste Klasse unterrichtet. In seiner grössten Mittelstufenabteilung waren 28 Schüler. Er spricht von einer vielseitigen Zeit. «Aber auch herausfordernd, vor allem organisatorisch», so der pensionierte Primarlehrer. Er schwelgt weiter in Erinnerungen: Da die Schule keine Turnhalle hatte, ist er mit der Schülerschar je nach Möglichkeit nach draussen gegangen. Dann wurde auf dem Platz neben der Schule mehr «gebällelet», als Fussball gespielt. Etwas vom Schönsten sei jeweils die Schulreise gewesen. «An diesem Anlass waren fast mehr Erwachsene als Kinder dabei», lacht Diethelm. Ein friedlicher Ausflug für das ganze Dorf.

Der Gubser, ein Fremdling

Diethelm und Christandl sind keine ein­heimischen Nachnamen, dafür ­Ruesch, Freitag, Kessler und allen voran einer: Gubser. Um den Namen zu ehren, hängt bei der Einfahrt in die Gubsstrasse eine Tafel mit seiner Geschichte darauf. Es steht, dass «Gubser» vom räthischen Wort «cupa» abstammt, welches für Hügel und Kuppe steht. Aus «cupa» wurde Gubs. In der Sage heisst es, dass vor vielen hundert Jahren Zigeuner einen Säugling auf der «Gubs» abgesetzt haben. Die Einwohner tauften den Findling nach dem Fundort «der Gubser». Von seinen Nachfahren waren viele männlich, wes­halb der Name so oft weitergegeben wurde. Ein bekannter Bürger ist der Schauspieler Stefan Gubser, der aber nie in Oberterzen gelebt hat.

Kurz nach dem Häuslein, wo die Gubsertafel an der Fassade hängt, hat man genau diese Aussicht, die einen kurz zum Stehenbleiben veranlasst. Den türkisfarbenen Walensee, das dunkle Grün der Tannen und das raue Grau der Churfirstengipfel zeichnen ein malerisches Panoramabild. In Ober­ter­zen hat es ab Ende November bis Mitte Januar keine Sonne. «Dann geht man eben Skifahren», lacht Chris­tandl. Auch der Sommer kompensiert die sonnenlose Zeit, haben die Terzner doch bereits um 6.30 Uhr Sonne. Und wenn der Rest der Gemeinde Quarten im Nebel sitzt, geniessen die Einwohnenden von Oberterzen den Ausblick über das wattige Wolkenmeer. Denn dieses kitzelt Terzen meist nur leicht am unteren Dorfrand.