Angehörige leiden mit

In der Selbsthilfegruppe Al-Anon Gonzen erfahren die Angehörigen von Alkoholabhängigen nicht, wie die Sucht bekämpft werden kann. Sie lernen etwas anderes: auf sich selber zu schauen und im Hier und Jetzt zu leben.

Es ist acht Uhr abends. Ein Maiabend, es ist noch hell. Draus­sen vor dem Fenster bricht auf dem Schaaner Dorfzentrum der Feierabend an. Im Raum sitzen sechs Personen an einem Tisch. Sie gehören der Gruppe Al-Anon an und sind alles Angehörige von Alkoholabhängigen.
Vater, Mutter, Ehefrau, Ehemann, Tochter, Sohn, Freund – Egal, jeder ist willkommen. Die sechs Personen treffen sie sich allwöchentlich am Montag. Jeweils am Dienstag gibt es eine Möglichkeit zum Treffen im Sarganserland, genauer beim Feuerwehrdepot in Wangs.
Jede der sechs Personen hat ein Buch vor sich auf dem Tisch liegen. «Wege zur Genesung» steht in blauer Schnörkelschrift auf dem Buchdeckel: «Al-Anons Schritte, Traditionen und Dienstgrundsätze». Während der Treffen sprechen sie über das, was sie zurzeit beschäftigt: Ängste, Sorgen und Probleme. Und sie nehmen Bücher durch. Wie aktuell jenes mit dem blauen Schnör­keltitel.

Kraft und Hoffnung

Die Literatur von Al-Anon hilft Betroffenen zu verstehen. Zu verstehen, was Alkoholismus ist. Und wie man damit umgehen kann. «Dieser Prozess ist eine Charakterschule», sagt Helena R.* Sie sitzt neben ihrem Mann, Robert R. Die beiden haben eine alkoholabhängige Toch­ter. «Sie hat nur noch den Alkohol und ihre Katzen», erklärt Helena R. Der Glanz in ihren Augen trübt sich, wenn sie von ihrer Tochter erzählt: «Wir freuen uns immer auf den Montag.» Sie lächelt, die Augen glänzen wieder klarer. Es sei schön, sich untereinander austauschen zu können. Das Ehepaar ist dankbar, bei Al-Anon Halt gefunden zu haben. «Hier ist man wertungsfrei.»

Vorurteile, Besserwissen, Arroganz: Charaktereigenschaften gewisser Menschen sind mitunter Gründe, warum sich Betroffene, seien es nun Angehörige oder Alkoholiker, anonym treffen müssen. «Aussenstehende sagen: ‘Sag ihm doch einfach, dass er mit dem Trinken aufhören soll’», berichtet Caroline L. Als ob es so einfach wäre. Auch sie ist Mutter. Auch sie hat ein Kind, das dem Alkohol verfallen war. Doch ihr Sohn hat es geschafft. Seit drei Jahren ist er trocken. Aber er hat dafür bezahlt. Er musste seinen Job verlieren, bevor er das Ausmass seines Konsums überhaupt einsah. Caroline L. erzählt mit Haltung und kräftiger Stimme. «Bei Al-Anon habe ich gelernt, dass Alkoholiker für sich selber verantwortlich sind», sagt sie. Alkoholiker können sich nur selber helfen. «Auch wenn man als Mama immer denkt, man wisse es besser», sagt sie in mahnendem Ton und lacht. Die anderen lachen mit. Es herrscht keine trübe Stimmung, sondern Aufmerksamkeit und Ruhe. Bei Al-Anon lässt man jeden ausreden.

Sich keine Schuld geben

Im Raum im Schaaner Postgebäude ist es kurz ganz still. Dann spricht Therese M.: «Ich war eine Zeit lang nicht mehr hier, aber nun will ich wieder regelmässig kommen.» Der Grund, wieso sie überhaupt zu Al-Anon gefunden hat, lebt nicht mehr. Ihr Mann ist vor zwölf Jahren an den Folgen des Alkoholkonsums gestorben. «Es ist immer schlimmer und schlimmer geworden.» Sie hält kurz inne. Irgendwann habe es ihre Beziehung so belastet, dass sie ihren Mann verlassen habe. «Alkoholismus ist eine Familienkrankheit», sagt sie. «Alle sind davon betroffen und alle leiden darunter.» Wenn der Alkoholiker immer schwächer wird, muss der Angehörige immer mehr und mehr auf sich nehmen. Al-Anon soll Kraft geben, einen gesunden Egoismus zu entwickeln. «Und ich habe Gelassenheit gelernt», sagt Theresa M. Einmal habe sie zu ihrem Mann gesagt, dass sie keine Schuld für seine Abhängigkeit verspüre. «Das musst du auch nicht», habe ihr Mann darauf gemeint. «Das hat mich getröstet.» Sie lächelt. Und ist froh, dass sie sich von ihrem Mann in Frieden verabschieden konnte. Nun, zwölf Jahre nach seinem Tod, sitzt sie immer noch bei Al-Anon: «Eine meiner Töchter kann nicht verstehen, wieso ich noch hierher komme.» Aber es tue ihr einfach gut. Und was ihr gut tue, tue indirekt ihrer ganzen Familie gut.

«Bei Al-Anon habe ich gelernt, dass Alkoholiker für sich selbst verantwortlich sind. Und dass sie sich nur selber helfen können.»

Das ist einer der Hauptgründe, warum die sechs Personen die Gruppe besuchen: Es tut ihnen gut. Weil ihnen die Strukturen von Al-Anon Kraft und Hoffnung geben. In einer Zeit, in der sie viel Last zu tragen haben: «Heute ist das Morgen, über das ich mir gestern Sorgen gemacht habe.» Mona P. zeigt auf den Satz in einem kleinen Heft: «Dieser Satz hat mir sehr geholfen.» Er will sagen, dass Betroffene im Hier und Jetzt leben sollen.

Umgang mit Angriffen

Alkoholismus, eine Familienkrankheit. Zu Hause kann es zu Streit kommen, zu verbalen Tätlichkeiten und zu Gewalt. Denn im betrunkenen Zustand ist ein Alkoholiker nicht sich selbst. «Wirst du beispielsweise verbal angegriffen, fühlst du dich als Opfer», so Robert R. Al-Anon erklärt, lässt begreifen. Und am wichtigsten: Es wird gelernt, mit der persönlichen Situation umzugehen. Bei Al-Anon versuchen alle, zwölf Schritte zu meistern. Jeder wandert von Schritt zu Schritt, ohne Druck und ohne Zeiteinschränkung. Der letzte Punkt besagt: Wer durch die zwölf Schritte inneres Erwachen erlebt hat, wird motiviert, die gelernte Botschaft weiterzugeben.
Genau das macht Elvira G. Ihr Mann, vor fünf Jahren verstorben, war seit 1997 trocken. Davor war er jahrzehntelang abhängig. Sie hatten in der Ehe zu kämpfen. Elvira G. hat viel auf sich genommen und die Hoffnung nie verloren. Aber vor allem, so sagt sie, habe sie es mit der Hilfe von Al-Anon geschafft. Und ihr Wissen möchte sie nun weitergeben. Und sich selber heilen. Denn das Leiden hat kein Ende, wenn die Person trocken ist oder verstirbt: «Die Verarbeitung gehört auch dazu.»

Am Ende des Treffens stehen alle Anwesenden auf und fassen sich an den Händen. Gemeinsam sprechen sie das Gelassenheitsgebet – ohne irgendeine konfessionelle Richtung – und verabschieden sich. Alle verlassen sie den Raum und freuen sich bereits auf das nächste Treffen. Weil es ihnen gut tut. Und Kraft gibt. Wertungsfrei.

*Namen der Autorin bekannt.