New York mal ganz klein – Ein Bericht aus dem Helikopter

Der Big Apple wird zur kleinen Traube – mit dem Helikopter New York erleben.

Es wackelt. Nur leicht, eher ein Vibrieren. „Let’s go“, sagt der Herr mit Ohrenschutz locker ins Mikrofon. Er drückt ein paar Knöpfe, zieht an einem schwarzen Ding, das aussieht wie eine Handbremse. Scheint wohl die Steuerung zu sein. Langsam verlässt der Helikopter den Boden und dreht sich langsam nach links. Vorbei an den Menschen mit von Winde verwehten Haaren, steigt er weiter hoch, dreht im Gegenuhrzeigersinn, zieht weg vom Startplatz.

Begeisterte Touristen

Am Pier 6 am Spitz von Manhattan fliegen Piloten tagtäglich die gleichen Routen, um Touristen eine Freude zu machen. Besonders beliebt ist die „New Yorker Tour“. Vielleicht, weil es die preisgünstigste ist. Daneben bietet Helicopter Flight Services noch weitere Touren an, beispielsweise die „Deluxe Tour“ oder „VIP Tour“. Aber bleiben wir bei der „New Yorker Tour“. Sie dauert etwa 12 bis 15 Minuten, führt vom Startplatz bis zur George Washington Bridge und wieder zurück. Eine knappe Viertelstunde, welche dementsprechend „im Fluge“ vergeht. Ein Kurzstreckenflug, der sich gemäss Kommentatoren im Internet allemal lohnt. So schreibt ein Herr: „Auf jeden Fall sein Geld wert. 20 Minuten reichen vollkommen aus, Anmeldung war super, keine Wartezeiten, war schon alles im voraus gebucht, und bei super Wetter genialer Trip.“ Dazu gibt er fünf Sterne, wie die meisten Bewerter. Die wenigen schlechten Bewertungen gehen unter.

Tönt ja alles vielversprechend. Ein Helikopterflug, und dann noch über die Weltmetropole New York. Da muss nur noch das Wetter passen. Dieses könnte heute besser sein. Graublaue Wolken kleben an der Himmelsdecke, aber die Helikopter fliegen nicht so hoch. Nachdem der Pilot den Helikopter erstmals vom Startplatz weggesteuert hat, beginnt er mit dem Preisgeben seiner Informationen. Er ist kompetent, macht Angaben zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten, fliegt zur Governors Island, weiter zur Freiheitstatute, an der Manhattaner Skyline vorbei in Richtung Norden…

 

 

Aufeinandergestapelt

Dass New York gross ist, weiss jedes Kind. In allen fünf Bezirken leben über 8 Millionen Menschen, so viel, wie in der ganzen Schweiz. In Manhatten allein wohnen 2 Millionen Personen. Ein New Yorker Einwohner mindert die Erstaunung: Schliesslich würden ja alle aufeinandergestapelt leben. Ja, New York ist gross. Fliegt man allerdings ein paar hundert Meter von der Skyline entfernt, wirkt der Big Apple eher wie eine kleine Traube. Die Wolkenkratzer werden ihrem Namen nicht mehr gerecht, sehen sie von oben eher aus, wie lange Grashalme in einer Wiese. Und dennoch macht es Eindruck. Die vielen Hochhäuser mit x Stockwerken, das kleinste so gross ist, wie in einer Schweizer Kleinstadt das grösste.

 

Der Pilot steuert sein Gefährt dem Hudson River entlang, links liegt New Jersey, rechts die Upper West Side. Dahinter der Central Park, klein, wie eine Spielwiese. Der Helikopter darf wohl aus Sicherheitsgründen nicht über New York fliegen. Bei der George Washington Bridge macht der Pilot in der Luft Halt. Er erklärt, dass die Brücke die meistbefahrene der Welt ist. 14 Fahrspuren hat sie, rund 100 Millionen Fahrzeuge überqueren sie pro Jahr. Kleines New York und so grosse Zahlen. Der Pilot macht kehrt und fliegt die gleiche Strecke zurück. An der Spitze Manhattans, bei der Wall Street und beim One World Trade Center, steuert er um die Ecke und nähert sich dem Landeplatz. New York wird wieder grösser und grösser. Es wackelt. Nur leicht, eher ein Vibrieren. Langsam parkiert der Pilot seinen Helikopter auf dem Platz. Die Haare der nächsten wartenden Passagiere werden im Winde verweht. Wieder auf festem Boden, ragen die Wolkenkratzer dem Himmel empor. Wolkenkratzer. Das ist eigentlich ein richtig guter Name.

 

Die Strecke: Der grüne Punkt ist Start- und Landeplatz, gelb ist die Flugroute eingezeichnet. (© OpenStreetMap-Mitwirkende)

 

Der Erfahrungsbericht entstand während eines Aufenthalts in New York.