Sie springen, sie stürzen, sie fliegen – Basejumper und ihr extremes Hobby

Kurz vor dem Sprung: Die Extremsportler konzentrieren sich.

Sprung in die Tiefe: Die Exits (Absprungpunkte) in Walenstadt erfreuen sich bei Basejumpern grosser Beliebtheit. Ungefähr 2000 Mal springen die Extremsportler pro Jahr von den Klippen. Der «Sarganserländer» hat zwei Basejumper auf ihrer Mission begleitet.

Zwei Basejumper stehen an der Klippe. Einer im blauen Wingsuit. Der andere im schwarzen. Ruhig ist es. Nur der Wind pfeift leise sein Lied. Bald werden sie springen. 200 Meter in die Tiefe. Dann werden sie gleiten. Den Fallschirm öffnen. Und auf der Wiese landen. So ist es geplant. So haben sie es schon x-mal gemacht. Alles ist bereit. Helm auf. Brille auf. Fokus. Sie werden springen. Und landen. Ein schwarzer Vogel zieht über ihnen seine Kreise. Der Wind ist nur noch ganz schwach. Es scheint, als ob die Zeit stehen bleibt.

Sprung in die Seilbahn

Unterwasser, Talstation der Standseilbahn. Zwei Männer rennen. Und springen in die rote Bahn. Diese wäre den beiden Basejumpern fast vor der Nase weggefahren. «Wir nehmen meistens den Zug von Walenstadt nach Buchs und dann den Bus nach Unterwasser», erklärt der Walenstadter Reto Hug. Er will heute mit seinem Kumpel Alex Strobel vom Exit am Hinterrugg springen. Für Hug liegt dieser vor der Haustüre, manchmal nutzt er ihn nach der Arbeit für einen «Feierabendsprung».

Es ist Freitag, der 13. Oktober. Die Standseilbahn fährt bis Iltios. Von dort geht es weiter mit der Luftseilbahn. Diese trägt die Passagiere bis auf den Chäserrugg, 2262 Meter über dem Meer. Um 13 Uhr steigen sie aus, die Endstation führt direkt durch das von den Architekten Herzog & de Meuron gestaltete Restaurant. Dieses ist gross, hell und modern. Was für ein Kontrast zur reinen Bergwelt.

Der Sprung beginnt beim Fallschirmpacken

Draussen trifft man auf diese Welt. Die Schweiz sieht vom Chäserrugg aus wie Nordamerika während des «Indian Summers»: blauer Himmel, farbige Blätter, kahle Wiesen. Auf dem Chäserrugg hat es noch Überreste vom kürzlich gefallenen Schnee. Ansonsten ist es angenehm für die Herbstzeit. Strobel trägt eine Windjacke, Hug nur ein oranges T-Shirt. Vom Klettern ist er zum Base-jumpen gekommen. Vor fünf Jahren hat er bei der Landewiese in Walen-stadt seinen Mentor, einen erfahrenen Springer, kennengelernt. Seit diesem Tag gehört Basejumpen zu seiner Leidenschaft. Strobel dagegen springt seit vielen Jahren. Ob es besser ist, gemeinsam springen zu gehen? Die Freunde schauen sich an. Es komme ganz auf die Gesellschaft an, sagen sie und lachen.

 

Die beiden sind am frühen Morgen schon einmal vom Absprungpunkt beim Hinterrugg gesprungen. Etwa eineinhalb Minuten verbrachten sie in der Luft. Sanft hat sie der Wind nach dem Öffnen des Fallschirms auf die Landewiese getragen. Diese stellt ein Stadtner Bauer den Extremsportlern zur Verfügung. Nach der Landung nahm Strobel einen Fünfliber aus dem Sack und legte diesen in die Kasse. Gebühren für den Bauern. Danach haben sie bei Hug zu Hause den Fallschirm gepackt. 40 Minuten lang. Meditatives Packen, nennt es Hug. Den Fallschirm richtig packen, ist wichtig. «Die schlimmsten Unfälle können wegen den kleinsten Fehlern passieren», sagt Strobel. Er steckt den Schirm in den Rucksack und zieht eine Schnur durch ein Loch, in welches er einen Haken steckt. «Dieser Haken ist meine Lebensversicherung» – zieht er den Haken heraus, öffnet sich der Fallschirm.

Fokus vor dem Sprung

Zurück auf dem Chäserrugg: Dort angekommen, müssen die Basejumper zum Absprungort laufen. Dieser liegt beim Hinterrugg, etwa 20 Minuten (für schnelle Läufer) entfernt. Sie wandern los. Zügig, fast rassig. «Heute nehmen wir es gemütlich», sagt Hug. Die beiden gehen an Wanderern vorbei, weiter auf dem dünnen, mit Schnee gefüllten Wanderweg, und biegen nach einiger Zeit vom Weg ab, bis sie an einer Klippe ankommen. Die Aussicht sieht aus wie ein Foto in einem Werbeheft für Heidiland Tourismus. Bald ist es so weit. Die Basejumper sind nur noch ein paar Minuten vom Sprung entfernt. Sind sie angespannt? «Nein, kaum», antworten beide. Eher konzentriert, fokussiert. Sie packen ihre Rucksäcke aus, schlüpfen in den Wingsuit. Strobel zeigt das Gipfelbuch im Gipfelkoffer. Dort schreiben die Basejumper Sätze hinein wie Feriengäste nach ihrem Aufenthalt in einem Hotel. Schönes, Trauriges, aber auch Lustiges. «… oben haben wir gemerkt, dass wir den Wingsuit vergessen haben», steht auf einer Seite. War wohl nichts.

Sag niemals nie

«Nein, ich springe nicht, niemals.» Das haben Strobel und Hug gesagt, als sie das erste Mal an einer Klippe gestanden sind. Nun haben beide schon x Sprünge hinter sich: Strobel über 1000 Fallschirmsprünge, 600 Basejumps, etwa 100 davon in Walen-stadt. Auch Hug weist mit seinen 500 Sprüngen eine beachtliche Zahl auf. «Ich bin von 2011 bis 2013 mit dem Fallschirm gesprungen», erklärt Hug. Erfahrene Springer sagen, dass ein Sportler vor einem
Basejump sicherlich 500 bis 600 Fallschirmsprünge gemacht haben sollte, sagt Hug, der über 600 Skydives hinter sich hat. Ausserdem ist der Sport eine kostenspielige Sache. «Ich habe während der Zeit, als ich so oft am Fallschirmspringen war, zwischen 30 000 und 40 000 Franken ausgegeben», so der Walen-stadter. Aber seine Leidenschaft ist es ihm wert. Jeder brauche seinen eigenen Weg, um an seine Grenzen zu kommen, sagt Strobel. Basejumpen ist ihr Hobby, ihre Passion, wie für andere Fussballspielen, Balletttanzen, Turmspringen. Nur eben extremer. Wichtig sei, dass «man mit Verstand an die Sache geht». Dass man sich der Gefahren bewusst und in seinem Handeln sicher ist.

Fertig eingepackt in ihrem Wingsuit, ziehen Strobel und Hug sich den Helm über. Beide haben darauf eine Kamera befestigt, mit der sie während des Sprungs die Flugphase aufnehmen. Sie filmen aber nicht mehr jeden Sprung. Sonst haben sie zu viele Videos und wissen nicht mehr, wohin damit. «Ich verstehe sowieso nichts von Technik», sagt Hug. Die beiden Freunde gehen auf den Absprungpunkt zu und plaudern, wie zwei Kumpels in einem Restaurant. An der Klippe vorne bleiben sie stehen. Strobel im schwarzen Anzug vorne, Hug im blauen Anzug hinten. Sie werden kurz nacheinander springen. Ruhig stehen sie da. Unter ihnen Wälder, Wiesen, Walenstadt und der Walensee. Ein schwarzer Vogel zieht über ihnen seine Kreise. Der Wind ist nur noch ganz schwach. Es scheint, als ob die Zeit stehen bleibt. Drei, zwei, eins, sie springen.

Exit am Hinterrugg

Der Absprungpunkt am Hinter-rugg nennt sich auch «Sputnik» und gelangte durch Jeb Corliss’ Youtube-Video «Grinding the Crack» zu grosser Bekanntheit. Entdeckt wurde der Punkt 2008 vom Zürcher Moritz Schellenberg, welcher den Sprung im selben Jahr mit Ueli Gegenschatz wagte. Im Gebiet rund um den Hinterrugg gibt es noch weitere Exits. Gemäss dem Präsidenten der Swiss Base Association, Michael Schwery (Interview im «Sarganserländer» vom 7. September), wird in Walenstadt ungefähr 2000 Mal pro Jahr gesprungen.